Das Summen von Lissabon

Wie auch schon in Porto, fahren auf der roten Brücke, der die Ponte 25 de Abril, oder wie man auf Deutsch sagen würde: Die Brücke des 25. Aprils, oben die Autos, darunter die Eisenbahn und unten im Fluss, da fahren wir und unzählige andere Segel- und Motorboote. Hoch über dem Lissabonner Hafen verbindet die Brücke des 25. April, Lissabon Alcântara mit dem Vorort Almada. Der Brückenzug ist insgesamt 3,2 Kilometer lang und beginnt schon über Lissabon. Die eigentliche Hängebrücke über den Fluss Tejo ist 2278 Meter lang. Wenn man sich in der Nähe aufhält oder unter der Brücke durchläuft, ist es so, als schwirrt ein Schwarm Bienen um einen herum.

Lissabon polarisiert, zumindest bei mir. Es fühlt sich anders an als vor 20 Jahren, wie ein anderes Leben und das ist es ja auch. 2004 im Intercontinental in einer Junior Suite mit Kingsize-Bett und Parkblick, weil ich hier für einen Werbedreh vor der Kamera stand. Es waren besondere, kreative und schöne Drehtage mit tollen Menschen. Damals fand ich die Lissaboner distanziert, aber sehr höflich und freundlich, mit einem Tatsch von Erhabenheit und Würde. Heute finde ich sie hier im Marina Office nicht stolz oder distanziert, sondern extrem unfreundlich und ich frage mich, ob das mit meinem Outfit zu tun hat. Nach wie vor trage ich Sachen die bequem sind und nichts von all den typischen Segel Labels. Ich trage ein Basecape, ein 0815 T-Shirt mit Shorts und einem Lächeln im Gesicht. „Hallo, ich bin Vivian und habe vor ein paar Tagen eine mail geschrieben, der Bootsname ist Navita“, „Wo stehen sie? Wir haben keinen Platz..“ Ich bin verwirrt! Bitte sie ihre mails zu checken. Ich würde so gerne ihre Sprache sprechen, aber egal wie ich es angestellt habe, portugiesisch schlägt keine Wurzeln bei mir, stattdessen bringe ich es mit Französisch und Spanisch durcheinander…und ja, leider bin ich nicht so sprachbegabt, wie meine Tochter, die einfach aus Spass, Koreanisch lernt und mittlerweilen auch Filme in verschiedenen Sprachen guckt. Man muss aber auch sagen, dass die Portugiesen wahnsinnig gut Englisch sprechen und demnach auch ziemlich, gut patzig auf Englisch mit mir kommunizieren. Dann betritt Simon das Kabuff und ich bin Luft. Nun ja, ich kann schon verstehen, dass man hier in diesem Container nicht arbeiten will. 40 Grad hat es draussen und die Klimaanlage schafft es grade mal die Temperatur auf 30 Grad runterzukühlen. Wie auch immer, Simon spricht zwei Sätze und wir bekommen einen Platz und auf einmal ist alles kein Problem mehr…

Hier werden wir zwei Wochen bleiben. 4-5 Tage davon werde ich alleine sein. Das ist kein Problem, ich bleibe bei den Tieren und werde das Boot auf Vorderman bringen, alles richtig, gründlich und ungestört putzen. Ausserdem habe ich noch ein paar Tage mein Personalcoaching, mit einer wunderbaren Frau, die ich 40 Tage via Zoom begleite.

Allerdings habe ich ein sehr komisches Gefühl, dass die beiden nach Italien fliegen, denn es sind sehr viele Dinge passiert auf dem Weg hierher. Zum Beispiel konnten wir in Peniche nicht rechtzeitig losfahren, weil sich unsere Ankerkette zweimal um einen Stein gelegt hat. Wir haben versucht zu tauchen, aber konnten trotz Brille nichts sehen und die Tiefe von 10 Metern ist für mich noch immer ein Problem, was das Luft anhalten betrifft, obwohl ich ein Yogi bin. Es ist Sonntag und im Marina Office ist niemand, also spricht Simon, lokale Fischer an und die helfen uns. Für schlappe 250 Euro befreien sie unseren Anker beziehungsweise lösen die Ankerkette. Der ganze Tauchgang, inklusive das Lösen der Kette, dauert fünf Minuten, aber wir mussten warten bis der Taucher Zeit hat und das Boot von einer Tour von dem Archipel Berlengas zurück kommt. Es ist bereits früher Nachmittag und zu spät zum Losfahren, da sich laut Wetterprognose ein Sturm in den Abendstunden angekündigt hat. Also stellen wir uns in die Marina und bleiben wegen starkem Nebel zwei Tage. Als wir dann endlich lossegeln, kommt ein Ding nach dem anderen. Zuerst verlieren wir den Block des Travlers vom Besan beim Halsen. Dann nimmt der Wind so extrem zu, dass uns das Vorsegel einreisst. Am Abflugtag geht die Pumpe unseres Klos nicht mehr, sprich die Scheisse lässt sich nicht in den Tank pumpen und bleibt in der Kloschüssel. Es ist morgens um 5 und ich sehe Simon an und frage mich, warum er fährt? Sind das nicht sehr viele Zeichen? Ich kann in jeder Pore meines Seins die Wiedersprüche sehen, aber was soll ich ihm sagen? „Er ist mein bester Freund!“, sagt Simon der meine Gedanken seit vielen Jahren lesen kann. „Ich weiss….

Der ökonomische Fußabdruck des Fliegens ist beträchtlich, da es zu hohen C02-Emissionen pro Passsagierkilometer führt und somit den Klimawandel verstärkt. Ich bin jeden Tag Zeuge des Klimawandels und werde, wenn es sich vermeiden lässt, in keinen Flieger mehr steigen. https://www.myclimate.org

Die Reise haut ein riesiges Loch in die Bootskassa! Und nun kommen noch, die Reparatur des Vorsegels hinzu: 790 Euro, die Klo Pumpe: 400 Euro und der Wassermacher, der muss jetzt natürlich warten….Die Nacht vor dem Flug ist schlaflos. Nachts arbeiten die Menschen gegenüber im Hafen und um die Ecke dröhnt der Bass, des Clubs der von Mitternacht bis 9 Uhr morgens Musik macht. Ab und an eine Flieger. Die Musik und der Flieger würden gar nicht stören, aber der Bass ist so stark das mein Körper nicht zu Ruhe kommt. Morgens um 4 stehe ich auf, mache Kaffee und Tee für meine Lieblinge. In spätestens einer Stunde muss auch Valerie aufstehen, denn um 5.30 kommt ein Fahrer, um sie zum Flughafen zu bringen. Der Abschied ist furchtbar trotz der Uhrzeit und der Dunkelheit! Valerie wischt sich die Tränen weg und wendet sich ab und auch Simon kämpft mit seinen Gefühlen. „Es sind nur 4 Tage!“, sage ich tapfer, lächelnd. „Habt eine schöne Zeit! Esst Pasta und viel Eis!“ Valerie reisst das Pflaster ab, sie dreht sich um und geht, Simon folgt ihr. Um die Ecke und quasi aus den Augen. Budhi wie erstarrt, steht da und dann plötzlich rennt er los, will ihnen hinterher, versteht die Welt nicht mehr. „Budhi, komm…“, locke ich ihn zärtlich und gehe zurück aufs Boot. 5.35 Uhr, Zeit für meinen 2. Kaffee für ein Buch, für eine Meditation, für Yoga, oder nochmals die Augen zumachen? Ich entscheide mich mit Budhi raus zu gehen, noch ist es kühl, um Ball zu spielen oder die Frisbee zu werfen, den Sonnenaufgang zu erleben. Die Stadt gehört uns, es ist niemand unterwegs, keine Müllabfuhr, keine Strassenreinigung, noch nicht mal, ein anderer Hundebesitzer oder Jogger. Ich verliere mich in den kleinen Gassen während die Sonne aufgeht.

Um 7.30 sitze ich im Zoom mit meiner Kundin für ihre Seelenreise, ihr Vorletzter Tag, von 40 Tagen am Stück. Es ist wunderschön. Danach praktiziere ich, eine kleine Yogarunde und meine Meditation und nach einem herrlichen Frühstück, lege ich mich kurz ins Bett und schlafe bis ein Piepsen ertönt. Wir sind gelandet. Gut! Ich bin erleichtert. Nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen, ziehe mich an und laufe mit Budhi los, habe ich doch in Porto meine Leidenschaft für Architektur entdeckt, aber bei 38 Grad macht das kein Spass. Wir versuchen durch den Schatten der Häuser und Bäume zu laufen, schnaufen, schauen uns an, halten Inne. Lissabon erzählt an jeder Ecke eine Geschichte, in manchen Seitenstrassen, kann ich diese Stadt und die Menschen fühlen und es ist einfach nur schön, aber manchmal da ist es so laut wie in einer Schulpause, der ununterbrochene Geräuschpegel von Pfeifen, Brummen, Rauschen, Autos, Motorräder, Lachen, ein Baby das nicht aufhört zu weinen, ein Hundechor, Händyklingeln, Klopfen, ein Tinitus und ich möchte schreien: Nicht alle auf einmal! Ich kann euch nicht verstehen. Da stehe ich auf einmal vor einem Friedhof und tauche ein, in die Stille der Toten.

Und dann aus dem Nichts, bekomme keine Luft mehr und alles dreht sich. Mein Herz rast und schmerzt zugleich, will raus aus meiner Brust, es will weg, weg von Lissabon, dass plötzlich gar nicht mehr schön ist, gar nicht frei. Es geht gleich vorbei sag ich mir! Eine Panik Attacke? Angst? An jenem Tag wo Simon und Valerie weg sind, nach 365 Tagen Gemeinschaft, da bin ich plötzlich ganz alleine, in der Hauptstadt von Portugal und obwohl ich sehr gerne alleine bin, fühle ich mich elend, ich stehe in einer Stadt, in der niemand wohnt den ich kenne, in einem fremden Land, ganz alleine, spreche weder portugiesisch noch BorderCollisch. Eine unglaubliche Trauer und ein Schmerz, den ich kaum aushalten kann überfällt mich. Was ist das? Warum fühlt es sich so an, als fehlt mir ein Körperteil? Ich breche in Tränen aus und ein unglaubliches Schluchtzen bricht aus mir heraus. Sind wir ein Mikroorganismus geworden? Sind wir so zusammen gewachsen, dass keiner mehr für sich ein Individuum ist? Darüber gibt es einen sehr interessanten Artikel im Philo.Magazin.

In diesen vier Tagen, schaue ich mir mein ganzes Sein, nochmal genauer an, laufe durch die Stadt Lissabon. Beobachte Menschen, die Welt, die Frauen, die Erde, die Kinder, ich schau’ in die Gesichter. Frage mich wann es begonnen hat. Der ganz Hype des glatten Gesichts, der Jugendwahn, die Welt von Botox, Hyaluronsäure, Extensions und der Fettabsaugung. Den Busen zu vergrössern, oder den Po aufzupolstern. Wer hat vorgegeben wie man ausschauen soll, wie man zu sein hat, oder wie nicht?! Wann hat es begonnen verurteilt zu werden, wenn man kein Veganer ist, oder ein Stück Fleisch isst? Ich erinnere mich noch an die Zeit wo Schönheit nichts mit Künstlichkeit zu tun hatte, an Frauen, egal welchen Alters, die für mich Vorbilder und Heldinen wahren, mit all ihrer Mimik und all dem gelebten Leben, dass aus ihnen sprach. Bette Davis, Meryl Streep, Julianne Moore, meine Mutter, Christine Bartsch, Nachbarinen, eine Putzfrau vom Bahnhof Zoo mit der ich mich mal unterhalten hatte. Ich erinnere mich, an genussvolles Essen, egal ob Käse, Fleisch oder Wurst. Ich erinnere mich noch als eine Produktion mir eine Brust Op Vorschlug, weil meine Rolle mehr Busen erforderte und ich in Gelächter ausgebrochen bin, bis ich gemerkt habe, dass mein Gegenüber keinen Spass meinte. Ich habe mich nicht unters Messer gelegt und wurde umbesetzt. Ich schaue auf alte Muster und Vorstellungen, gehe, laufe, sitze, meditiere, reflektiere, über Jetzt und alles was wahr, viel Schmerz, viel Leid und über die ganze Menschheit. Soviele Kriege, soviel technisches Knowhow, nun sogar ChatGPT? Und Herzensbildung? Wo bleibt statt der künstlichen Intelligenz, die emotionale, ganzheitliche Intelligenz? Mitgefühl, Empathie, sich in andere Wesen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen?

Ich möchte ein Zeichen setzten für mich und alle Frauen, die ich kenne und die, die mir noch begegnen werden, egal wie alt oder jung sie sind! Für meine Tochter, für meinen Sohn und auch für meinen Mann, meinen besten Freund! Einen Neuanfang, ein Symbol für Transformation und Erneuerung. Ich gehe an Board und schneide mir meine Haare ab und rasiere meinen Kopf. Ich bin eine Löwin und die haben keine Mähne, sie sind stark und stehen für Mut, Schutz, Unabhängigkeit, Stärke, Selbstbewusstsein, Wärme und Fürsorge. In Lak’ech Ala K’in, denn ich bin DU und DU bist ich, als Krönung nie zu vergessen, wer ich bin und wer ich sein kann. Wahr von Anfang, an!

2 Kommentare

  1. Linde und Karl-Reinhard

    Liebe Vivian,
    Vielen Dank für die schönen Berichte, wir verstehen gut, dass sich Wehmut einschleicht. Hoffentlich ist bald die Zeit der Trennung um. Du bist eine richtige Poetin! Und die wunderbaren Bilder passen dazu. Besonders das letzte mit der Blumenwand! Liebe Grüße von Linde und Karl- Reinhard

    • Liebe Linde und lieber Karl-Reinhard
      Vielen Dank für eure Worte! Ja, alle wieder an Board…:) Ich erinnere mich noch genau, als ich euch auf eurem Boot unter Segel gesehen habe! Vielleicht kommt ihr uns ja doch mal besuchen. Liebste Grüsse auch von Simon, Vali und mir

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