Das Wasser ist Lapislazuli und 4000 Meter tief, ich tauche ein, mit all meinem Sein in das unsterbliche Meer, und eine tiefe, geistige Klarheit breitet sich in mir aus…

Die 1. Nacht. Nach einem unruhigen Segeltag mit hohen Wellen und stärkeren Wind als vorhergesagt, bricht die Nacht an. Ein Sternschnuppenrausch. „Mögen meine beiden Kinder gesund und glücklich sein…“, das ist mehr ein Gedanke als ein Wunsch. In dieser Nacht gibt es keine Wünsche, sondern nur Dankbarkeit: dass ich hier bin, dass ich atme, dass ich nichts machen muss, einfach nur sein. Manchmal pfeift der Wind, manchmal heult er und manchmal – da hört es sich fast so an wie ein Gesang und ich starre auf das dunkle Meer, in die Wellen, in der Hoffnung, eine Meerjungfrau oder einen Meermann zu entdecken. Das Mysterium der See. Nichts Belangloses hat in diesen Nächten Platz. Obwohl mein Verstand hin und wider plappert, wird auch er irgendwann still, als er keine Aufmerksamkeit mehr bekommt. Wie mit einer zarten Feder gezeichnet, trennt eine Linie den Himmel vom Ozean.

Kein Sonnenuntergang gleicht dem anderen. Manchmal sieht es so aus, als lebe in der Sonne ein Volk – in einem grossen Hochhaus. Es erinnert mich an das Puppenhaus von Valerie, in dem wir leidenschaftlich zusammen gespielt haben. Es fühlt sich an wie gestern und doch auch wie ein anderes Leben. Eine Erinnerung an die vielen Orte, in denen ich gelebt habe, an grosse Räume, hohe Stuckdecken, an Weihnachten und Geburtstage, an ein Land, das ich einst verlassen habe, um in einem anderen, Fuß zu fassen. In Nächten wie diesen, blicke ich auf mein ganzes, erst halbes Leben und es ist wie ein Film. Einer von der Sorte, bei dem du lachst und weinst, bei dem du Gänsehaut bekommst und du traurig bist – über verpasste Chancen, über Dinge, die du womöglich falsch gemacht hast, über Freunde, Familie und Menschen, denen man begegnet ist.

Am 2. Tag umhüllt ein Kleid aus Nebel die Sonne ein, als würde ein Engel sie umarmen um mit ihr ins Meer einzutauchen. Die Morgendämmerung im Atlantik, wenn das Meer sich in dunklem Grau bewegt und sich der Horizont mit dem Himmel vermischt, dann erinnert mich das an die Bilder aus der ersten Klasse der Waldorf Schule. In jenem Moment begreife ich, dass mein Kind schon alles wusste, denn meine Augen sehen das, was Valerie vor vielen Jahren gezeichnet hat, als es hiess: „Male die Erde.“ Ich sehe ihr Bild vor mir, und es ist fast so, als sei es noch nass von der Farbe.

Der 3.Tag, vor Sonnenaufgang. Wolken formiert wie Schatten oder Konstrukte – als würden sie die gesamte Geschichte der Menschheit erzählen: Panzer, Schlangen, Schornsteine, gebückte Lebewesen, nicht Frau, nicht Mann, nicht Kind, Individuen mit Ferngläsern, Bäume, manche mit Waffen. „Ich seh, ich seh was du nicht siehst und das ist…?“ Was war das bloss? Ein Fantasiestreich? Nun sind da nur noch Wolken, die sich im Dunst, bevor die Sonne aufgeht, mit meinen Gedanken lösen, wie ein altes, zartes Aquarell-bild. Der heutige Tag ist ruhig, oder wie die Segler sagen würden: Champagner – Segeln bei 5-6 Knoten, einer sanften Welle und raumem Wind.

Am 4. Tag fliegt ein Fisch übers Boot. Bin ich wach oder träume ich? Ist es Zeit für meine Ablöse ? Ein schillerndes Ding mit silbrigblauen Schuppen und hellrosa Glanz gleitet mit glitzernden, fast durchsichtigen Flügeln übers kobaltblaue Meer – und nichts ist mehr, wie es war. Wow! Wahnsinn! Stunden später entdecke ich, dass es einer der märchenhaften Fische nicht geschafft hat. Einer liegt an der Backboardseite, tot auf dem Deck. Simon gibt das schöne Wesen dem Meer zurück. „Akaal“, chaante ich. „Möge deine Seele wiederkommen.“ Heute werden wir noch nicht in Porto Santo ankommen, also noch eine Nachtfahrt. 20 Uhr – kein Land in Sicht. Hin und wieder ein Albatros der ins aufgewühlte Wasser eintaucht. Wolken wie Schafe, wie kleine Desserts auf babyblauem Himmel und ich habe sofort den Geschmack von Salzburger Nockerln auf der Zunge. Valerie tanzt im Sonnenlicht und strahlt ihr Licht zurück.
„Ist das herrlich!“, ruft sie mir zu, als sie erkennt, dass ich sie verzückt beobachte. Wenn Valerie tanzt, dann steht für mich die Welt still. Sie wird eins mit allem – selbst mit einer Musik, die nur sie hören kann. Als hätte sie Valerie gerufen, sind sie plötzlich da: Delfine. Unzählig viele – und es scheint fast so, als wollten sie nun für Valerie tanzen. Sie schwimmen ganz vorne, links und rechts an der Spitze des Bootes, springen aus dem Wasser und wir beobachten mit Freude diese wundervollen Lebewesen.
Am 5. Tag zeigt sich meine Erschöpfung. Ich bin ungeheuerlich müde, mein ganzer Körper tut weh.
Heute Nacht mussten Simon und ich mehrmals Halsen.
Die letzte Nacht war sehr dunkel – trotz der vielen Sterne. Ein bisschen so, als würde man ins Nichts fahren.
Heute habe ich mich das erste mal als richtige Bootsfrau erlebt, da ich mich ausschließlich nach den Sternen orientiert habe. Als ich meinen Segelschein gemacht habe, waren soviele Dinge unklar. Manchmal muss man die Dinge erleben, um sie zu verstehen. Es gibt Sachen, die muss man lernen, um sie tun zu können – und manchmal muss man etwas tun, um es zu begreifen. Learning by doing. Ein Schatten am Ende eines Bildes. „Land in Sicht!“, ruft Valerie und lacht. Porto Santo – ich sehe dich! Wir freuen uns alle und Budhi schnüffelt, erkennt das Land. Eine karge, hügelige Landschaft mit einem langen, goldgelben Sandstrand und einem türkisfarbenen, klaren Meer. Eine kleine Insel im Atlantik bescheiden und ruhig, fast so, als würde sie sagen. „Du kannst bleiben, musst aber nicht.“ Aus einer Woche werden vier. Manche Segler bleiben länger, zwischen einem und zwei Jahre. Manche haben sich hier verliebt und bleiben. Andere haben ein festes Zuhause gefunden – mit vier Wänden. „Porto Santo ist der Nabel der Welt“, hat Monika, eine Seglerin zu mir gesagt. Ich habe es erst verstanden, als ich wieder in See gestochen bin. Porto Santo, du bist wie eine Mutter. Da ist alles, was man braucht und soviel mehr.


Der Sand am Strand von Porto Santo besitzt eine bewährte heilende Wirkung bei Rheuma, Arthrose und Knochenerkrankungen, da er reich an Mineralien wie Kalzium, Magnesium, Jod und Strontium ist. Diese wertvollen Elemente, die er aus den Korallen- und Muschelsedimenten bezieht, können über die Haut aufgenommen werden und wirken entspannend auf Muskeln und Gelenke. Darum macht es Sinn sich auch mal als Erwachsener in den Sand eingraben zu lassen, um die Heilwirkung zu geniessen. Aber auch für die Psyche wirkt Porto Santo ruhig und gelassen, solange man nicht in einem Taxi sitzt. 🙂 Porto Santo bedeutet heiliger Hafen. Das Wort heilig, bedeutet verehrungswürdig, unantasbar, es hebt sich von der Welt ab. Das ist Porto Santo! Und alle die hier verweilen, spüren diese Magie. Egal wo man ankert im Hafenbecken oder draussen zahlt man 6 Euro. Dafür kann man die Sanitär Räume nutzen, also duschen, auf die Toilette gehen, Wasser holen, Wäsche waschen und ich würde denken, man unterstützt mit diesem kleinen Betrag diese wundervolle Insel. Überall kann man getrennt entsorgen, daher gibt es auch nirgends Müll. Oder man legt sich an einen Steg. http://Marina Porto Santo.

Einer der bekanntesten Aussichtspunkte der Insel ist der Miradouro da Portela, er bietet Aussicht auf den Norden und den Süden. Hier sind drei traditionelle Windmühlen, die auf der Insel verblieben sind. Es sind drehende Mühlen aus Holz. Einigen Historikern zufolge wurde die erste Windmühle in Porto Santo im Jahr 1794 gebaut.


Der Pico de Ana Ferreira ist ein Rundwanderweg und führt über einen unmöglichen Weg zurück zur Marina, wo wir an einem kleinen Dinghisteg unser Beiboot geparkt haben. Zwischen dem Ozean und den Felswänden wandern wir stundenlang. Wir trinken unterwegs herrlich kalten Eistee und essen das erste mal Tremocos. Der portugiesische Lupinen-Snack. Hier werden die Lupinen in Essig und Knoblauch eingelegt und zum Getränk gereicht, es schmeckt sehr gut.


2. Wandertag: Nachdem wir uns mit Obst, Gemüse, Nüsse und Getränke eingedeckt haben, geht es hoch zum Pico do Castelo, der ist ein 437 m hoher, vulkanförmiger Gipfel mit Nadelbäumen bewachsen und einer Panoramaterrasse und einem Picknickplatz.


Der Picknick und Grillplatz und eine fantastische Aussicht über Porto Santo.






Am 3. Tag mache ich mit Valerie eine sehr lange Budhi-Gassi-runde. Wir laufen den Strand entlang, bis runter zur Spitze der Insel. Uff, ganz schön weit. So beschließen wir, auf dem Rückweg an der Strasse entlang zu gehen und kaufen uns in einem kleinen Laden, Karamell-Croissants, Apfeltaschen und Wasser. Fast zufällig entdecken wir – mitten im Wohngebiet, versteckt unter Palmen – die Kapelle des heiligen Geistes. Der Ursprung der Kapelle Espírito Santo geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Wir sind insgesamt 14 Kilometer gelaufen – dementsprechen springen wir nur noch vom Boot und ruhen uns aus. Heute kocht uns Simon seine fantastische Pasta.

Simons Geburtstag fällt auf einen Montag. Ich stehe also recht früh auf, koche Kaffee und decke den Tisch. Bereits am Sonntag hatte ich eine Torte gebacken und alles an Herrlichkeiten gekauft, was ich in Porto Santo finden konnte. Es gibt also ein kontinentales Frühsstück mit allem, was sein Herz begehrt – außer französischem Käse, dafür aber mit selbstgemachter Schokolade. Bei uns werden Geburtstage königlich gefeiert und als solches auch zelebriert. Simon bekommt nach dem ausgedehnten Frühstück eine Ayurvedamassage mit heißem Öl von mir. Nach seiner Siesta springen wir alle direkt vom Boot ins kristallklare Wasser und schwimmen an Land. Nach einer kurzen Sonnenpause schwimmen wir zurück. Ich koche Tee und Kaffee zur Simons Torte. Simons Torte in diesem Jahr: Ein Sachertortenteig, überzogen mit einer Schicht Marzipan, einer Schicht Karamall und einer Schicht Schokolade. Die Füllung: Himbeermarmelade. Der Tag geht viel zu schnell zu Ende. Abends öffnen wir eine Flasche Madeira-Portwein und geniessen die Abendstimmung. „Hier will ich auch meinen Geburtstag feiern!“, sagt Valerie. „Ja? Und welche Torte wünscht du Dir?“, fragt Simon. „Deine Rohkost Papa!“, „Und ich?“, „Überrasch mich…,“ anwortet Valerie lächelnd. Wenige Tage später, nämlich genau sechs – am Sonntag – ist dann Valeries 16. Geburtstag. Gesagt getan. Simon bereitet nachts seinen Himbeer-Blaubeeren-Rohkost-Traum vor und ich ich kreiere – wiedermal 🙂 Gerade liebt Valerie Orangen Schokolade, aber auch Mousse au Chocolat. Daher backe ich: einen Schokoladenboden, einen Vanille – Buiskuit Boden mit einem Hauch von Orangenschale, schmelze Unmengen von Schokolade, koche Sahne auf, rasple Orangenschalen und zupfe das Fruchtfleisch aus der ausgepressten Orange. Was entsteht daraus? Eine Orangen – Moussa – au – chocolat Torte, die in zwei Tagen komplett aufgegessen ist. 🙂 Dieser Tag ist einfach wiedermal wunderschön! Wir springen ins Wasser, spielen Strandtennis, Stadt, Land, Fluss, „11er raus“ und Fangen. Zum Frühstück gibt es Crêpes, nachmittags Kuchen, und abends gehen wir herrlich essen. Jetzt ist Valerie 16 Jahre alt. Wie schnell die Zeit vergangen ist! Ich bin so froh, dass es dich gibt, Valerie. Vor 16 Jahren kamst du auf die Welt – und was soll ich sagen? Ich bin Mama – und das ist meine Berufung. Schon als ich das erste mal entbunden hatte und Noel in meinem Armen lag, wusste ich: Alles andere ist unwichtig. Wer zwei solche Wesen begleiten darf, hat keine Wünsche mehr.

Der Pico Branco
Ein Taxi bringt uns auf der Regionalstrasse hinauf zum Einsteig. Es ist bedeckt, und wir sind ganz alleine. Ein Nieselregen beginnt, und wir sind begeistert – von der Aussicht, und von dem Gefühl, hier zu sein. Der Weg ist ansteigend, anfangs noch leicht, dann immer wieder unterbrochen von steilen Passagen. Trockenes, raues Gelände und fantastische Felsformationen, die sich mit der typischen Fauna und Flora vermischen. Wilde, süsse, warme kleine Cherry-Tomaten laden zur Verschnaufpause ein.



Der steilste Anstieg des Weges endet am „Crista do Cabeço“. Hier ist es grün. Überall wachsen und gedeihen Zypressen, und der Duft ist einfach himmlisch. Wir wollen picknicken, aber es wimmelt nur so von kleinen Eidechsen, die ihre Chance wittern, etwas von unserer Nahrung zu ergattern. „Na gut!“, sage ich und zerkleinere ein paar Weintrauben, eine kleine Horde dieser Echsen tummeln sich um das unerwartet Festmahl.


Nach dem Abstieg laufen wir an der Strasse zurück. Dabei entdecken wir ein großes Regenauffangbecken und ein kleines Museum. Casa da Serra, Vila Baleira. Es zeigt wie die Menschen früher auf Porto Santo gelebt haben. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt. Drei Tage lang feiert Porto Santo ein Fest – und ehrt Christoph Kolumbus, den berühmten Entdecker, der einige Jahre auf der Insel lebte. Es scheint fast, als würden wir von einem Fest ins Nächste rauschen.
Geschichtlicher Hintergrund: Christoph Kolumbus heiratete 1479 Filipa Moniz, die Tochter des Gouverneurs von Porto Santo und lebte einige Jahre auf der Insel. Während seines Aufenthalts studierte Kolumbus Seekarten und Schriften seines Schwiegervaters und erweiterte so sein Wissen über Navigation – was später für seine Entdeckungsreisen entscheidend wurde.
Das Kolumbus-Festival bietet kleine Stände mit Essen und Trinken, einen mittelalterlichen Markt mit verschiedener Handwerkskunst, sowie Konzerte und Akrobatik Shows. Der Höhepunkt ist die Nachstellung der Ankunft von Christoph Kolumbus. Schauspieler, Sänger und Tänzer in authentischen Kostümen stellen die historischen Ereignisse nach. Ein Aufgebot an Menschen in wunderschönen, bunten Originalkostümen und die Sängerin beschert uns allen Gänsehaut. Dieses Fest ist wundervoll und bietet für jeden Alter etwas an. Fröhliche Kinder soweit das Auge reicht.


Porto Santo du wundervolle Insel, vielleicht komme ich eines Tages wieder. Hier habe ich ganz wundervolle Menschen kennengelernt. Zum Beispiel Aran und ihren Mann Simeon mit ihrer entzückenden Tochter Nalu. Sie leben und reisen auf ihrem wunderschönen Boot mit dem Namen Taruna. https://www.instagram.com/nattynattyknots/
Beth und Gary


Zwei Künstler, ein Musiker und eine Lehrerin und Autorin, beide randvoll mit Liebe die sie verströmen. Am Nachmittag nach Valeries Geburtstag bitten wir die beiden an Board von Navita, um mit uns nochmals zu feiern. Gary hat seine Gitarre dabei und singt für uns. Ich bin mit Musik groß geworden. Meine Mutter war eine leidenschaftliche Opernsängerin, sang und spielte viel Klavier. Mein Exfreund war ein Schlagzeuger in einer englischen Band – ich war immer von Musik umgeben, egal ob Klassik oder Rock. Aber als Gary zu singen beginnt, breche ich in Tränen aus. Wir drei sind sprachlos – soviel Liebe, soviel Berührung. Ich kann es eigentlich nicht in Worte fassen. Wir sitzen alle an Deck, umgeben von den Hügeln der Insel und den Segelbooten, die im türkisfarbenen Wasser vor Anker liegen, im Schatten einer Tischdecke – und hören Garys Stimme, die uns tief berührt und die wir nie vergessen werden. Erfüllt verlasse ich Porto Santo. Es gibt keine Zufälle – sondern es fällt dir zu, was du brauchst, in jenem Moment, wenn dein Herz offen ist. Hier geht es zu Beth Instagram Kanal:
https://www.instagram.com/bethbatsea?igsh=MW5jNTc4aGJ5cTBibQ%3D%3D
„Beth and Gary, beloved souls and kindred companions, thank you for this enchanting time and for your presence. We remain forever connected—beneath the sky, across the seas.“
When you were here before Couldn′t look you in the eye You’re just like an angel Your skin makes me cry You float like a feather In a beautiful world and I wish I was special, You′re so very special…..Creep von Radiohead

