Von der Komfortzone ins Unbekannte
Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, in dem die Entscheidung endgültig war. Es war nicht das Träumen, nicht die Palmen-Fantasien, es war dieser eine Blick zwischen Simon und mir. Keine großen Worte. Kein dramatischer Satz. Wir sahen uns einfach an und wussten, wir machen das jetzt wirklich. Wir ziehen also auf ein Segelboot, mit einem Teenager, zwei Katzen und einem Hund. Mit Hoffnungen, Fragen und ehrlich gesagt: viel zu viel Zeug!

Die Reaktionen? Meistens ein Mix aus Panik und Faszination. „Ihr seid doch verrückt! Das könnt ihr doch nicht machen! Habt ihr im Lotto gewonnen? Wie wollt ihr das denn finanzieren?“ Das waren die Top-Fragen, die geschätzte 90 Prozent aller Menschen stellten. Gleich danach kamen die noch größeren Sorgen: „Wie funktioniert das mit der Schule? Was ist mit Valeries Sozialkompetenz? Und überhaupt: die Tiere! Ein Albtraum, wenn die seekrank werden! Wo sollen die aufs Klo? Was ist, wenn ihr euch plötzlich nicht mehr aushaltet? 24 Stunden zusammen, jeden Tag… was ist, wenn Liebe nicht reicht? Oder was, wenn ihr euch einfach satt habt? Und ja, auch diese Frage wurde gestellt: Was ist, wenn ihr merkt… ihr könnt nicht mehr?“ Die meisten meinten es gut. Manche sahen uns an, als hätten wir den Verstand verloren. Nur Noel, unser Sohn, grinste: „War ja klar, ihr Verrückten.“ Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Ihr wisst ja wo ihr immer hinkönnt?! In meine Bude, ihr könnt jederzeit heimkommen!“ Da war kein Urteil, keine Angst, nur: Rückhalt. Das ist der Unterschied zwischen denen, die Zweifeln und denen, die Verstehen: Manche sehen nur den Sprung ins Unbekannte, andere sehen die Möglichkeit. „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, Mama. Mut ist, trotz Angst einen Schritt nach vorn zu gehen.“, sagte Noel als er mich in den Arm nahm. „Atmen und losgehen!“

Die ersten Wochen im Wohnmobil
Zwischen Stellplatz und Sternenhimmel und von einem Haus mit sehr, sehr viel Raum in ein Wohnmobil im Winter zu ziehen, fühlt sich an wie Tetris spielen auf Profi-Level. Die große Frage der letzten Tage war nicht romantisch, sondern ganz praktisch: „Wohin mit all dem Zeug?“ Simon kaufte Vakuum-Einschweißsäcke und da kam alles hinein, was wir gerade nicht brauchten. Mit dem Staubsauger wurde das auf Mini-Format geschrumpft.
Am Ende hatten wir 30 Säcke, dazu Kisten, Körbe und ein logistisches System, das nur Simon durchschaute. Simon könnte Weltmeister sein im Räumen, Schlichten, Verstauen. Auch heute noch. Unser Wohnmobil war selbst übrigens ein kleines Wunder. Überall Fächer, Nischen, Haken, Hohlräume, sogar eine Art „Garage“, in der sich unser gesamtes Leben zusammensetzte wie ein 3D-Puzzle. Trotzdem: Noch immer zu viel. Nicht zu viel für den Plan, nur zu viel für den Platz. Die ersten paar Tage verbrachten wir in Brandenburg, bevor es nach Österreich weiterging. Ankommen-Innehalten-Ausatmen.

Zwischen Chaos und heisser Schokolade
Dieses Leuchten in Simons und Valeries blauen Augen, so klar wie der Winterhimmel. Die roten Wangen, nach stundenlangen Hundespaziergängen, der knirschende Schnee unter unseren Schuhen und die heisse Schokolade mit Apfelstrudel danach. Das Problem war nicht die Kälte und auch nicht die langen Fahrten. Unser größter Kampf war der begrenzte Innenraum im Schmutz-Alltag: Katzenhaare. Hundehaare. Katzenstreu. Sand. Matsch. Schnee. Pfotenabdrücke. Immer wieder saugen, wischen, putzen. Nachts hörten wir das leise Scharren, wenn eine der Katzen aufs Klo ging. Man musste aufmerksam sein, denn unsere Betten waren nicht nur Schlafplätze, sie waren Durchgänge, Beobachtungsposten, Kuschelinseln und manchmal auch Sprungbretter für vier Pfoten. Der Geruch? Sagen wir so: Einzigartig und unvergesslich, aber auch ein bisschen lustig, wenn man heute daran zurückdenkt. Wir fuhren in den tiefsten und weißesten Winter und genossen meine Heimat und die Berge, den Pulver-Schnee, das Essen, die Landschaft und diese neue Form von Freiheit. Wir waren plötzlich nicht nur Bewohner eines Ortes. Wir wurden Reisende. Dieser Winter war verrückt. Kalt, weiß, bis grau und manchmal nervenaufreibend und schmutzig. Aber zwischen all dem fanden wir etwas, das größer war als der Platz im Wohnmobil und größer als der Mut den es brauchte: Zuhause, dass ist kein Ort, zuhause das sind wir. Eine kleine Crew. Eine Familie. Ein Team. Wir hielten zusammen bei jedem Wetter, bei jedem Tief und genau dort, im Weiß des Winters, im Lärm der Zweifel, im kleinen Chaos des neuen Alltags, schon da begann unser Bootsleben, lange bevor wir das Wasser erreichten.




