Kontrolle im Englischen Kanal – Fünf Beamte durchsuchen unser Boot

Der Englische Kanal ist bekannt für seine starken Gezeiten und seine starken Strömungen. Der Wind ist hart, die Wellen unberechenbar. Die Strömungen können Geschwindigkeiten von bis zu 5 Knoten oder mehr erreichen und sich mit dem Wind verstärken oder abschwächen, daher ist es sehr wichtig, die Wetterbedingungen und die Gezeitenströme zu berücksichtigen. Simon hat sich auf diese Fahrt gut vorbereitet, aber die Segler sprechen nicht ohne Grund, von einem Plan B im Ärmelkanal, denn die starken Strömungen können dazu führen, dass man mit dem Boot nicht von der Stelle kommt, oder auf Grund läuft, besonders an Untiefen. Ausserdem ist der Ärmelkanal sehr stark befahren. Wir sehen die Boote und Schiffe auf dem AIS und werden laut gewarnt von etwaigen Zusammenstössen und trotz scharfer Auschau mit dem Fernglas, ist es ein Hürdenlauf, den Riesen auszuweichen, die in Minutentakt von allen Seiten auftauchen. Rush hour in der Street of Dover. Wir erleben hier alles, wovon wir gehört oder gelesen haben. Von einer Strömung die uns bis auf 11 Knoten beschleunigt oder fast zum Stillstand bremst, dass wir kaum mehr vorwärts kommen. Einmal als sie kippt, dreht sie uns mehrmals um die eigene Achse. Irgendwann bleiben wir auf der Position stehen und kommen kaum noch Vorwärts. Wir beugen uns der Naturgewalt und lassen uns von der Strömung zurück, nach Boulogne sur-mer schieben. Was für ein immenser Kraftakt, denn Wellen und Wind werden sich nicht einig. Eine kleine chaotische Jam-Session von der Natur und für uns eine weitere schlaflose Nacht. Endlich bricht der Tag an und wir sehen schon den Leuchturm von Boulogne sur-mer, jetzt muss alles sehr schnell gehen, damit wir mit der Tide in den Hafen kommen. Gesichert birgt Simon die Segel und ich halte so gut es mir möglich ist, Navita auf Position, es schaukelt extrem, dass ich trotz eiseskälte in meinem eigenen Schweiss stehe. Alle Segel sind runter und Simon übernimmt das Steuer und von Meter zu Meter wird es ruhiger. Ab jetzt müssen wir nur noch die Tiefe im Auge behalten. Wir kommen todmüde und geschafft in der Marina in Boulogne sur-mer an und werden sehr herzlich willkommen geheißen. Wir sind beeindruckt vom Tidenhub, der hier bis zu 8 Meter beträgt. Zu bestimmten Zeiten wird Wasser aus der Mündung des Flusses Liane gelassen, wodurch eine starke Ströumng entsteht. Es schaukelt sehr! Ein Tiefdruck Gebiet zieht über den Ärmelkanal und so werden wir einige Tage, vielleicht sogar Wochen hier bleiben müssen. Wem kümmerts! Wir sind in Frankreich im Land des Essens!

Am nächsten Tag, sitzen wir alle gemütlich vor unseren Laptops und sind in die Arbeit vertieft. Ich bereite mich gerade für meine Yoga Gruppe vor, denn in wenigen Tagen ist Wintersonnenwende und wir zelebrieren die Nacht der Wünsche. Valerie ist in Mathe vertieft und Simon sitzt an unserem Videotagebuch. Budhi gibt mehrmals zu verstehen, das draussen was los ist. Fühle ich mich doch auch etwas beobachtet, aber nicht unangenehm, eher verwundert. Eine kleine Gruppe in dunklem Blau gekleidet, mit gelben Sicherheitswesten, bestaunen unsere Boot, oder ist da noch mehr? Unsere Blicke begegnen sich. Ich winke, sie winken zurück. Könnte das die Gendarmerie sein, frage ich Simon? Aber warum gucken die so und sagen nichts, ausserdem liegen wir ja in der Marina, da ist ja alles offiziell. „Die haben den Schiffsnamen und unsere Namen“, sagt Simon, geht aber trotzdem an Deck. Bittet die Herrschaft an Board. Drei Männer und eine Frau betreten unser Boot, der vierte Mann bleibt unten. Alle ein Pokerface, ausser die Frau. Irgendwie klar, Frauen lächeln immer. Soll mich das beruhigen? Es ist die Küstenwache und der Zoll, also hoher Besuch und alle wieder schwer bewaffnet. Das ist etwas, was ich wirklich nicht gut finde! Budhi spürt mein unwohlsein und bellt wie verrückt, ungewöhnlich für den recht sanften und stillen Hund. Es regnet und ich hoffe sie wollen nicht rein kommen, denn der gesamte Steg ist voller Möwenscheisse. Als hätten sie es gehört, bleiben sie vorerst oben an Deck, überprüfen die Schiffsnummer, die man wirklich nur sehr schwer erkennen kann, da sie unter dem Dinghy auf Höhe der Badeplattform eingraviert ist. Sie öffnen alle Backskisten und ich frage mich, was sie suchen. Drogen, Geld, oder weil wir unter Deutscher Flagge reisen? Unsere Vergangenheit ist nicht die beste, auch wenn es mit unserer Generation nichts mehr zu tun hat. Ich erkläre, dass ich auch französische Wurzeln habe und promt kommen sie unter Deck. Simon grinst, unter dem Motto, du redest zuviel. Sie ziehen die Schuhe aus. Ufff! Glück gehabt! Es bleibt merkwürdig. Wir sind eine Familie mit drei Tieren, einem jungen Mädchen, in einem alten Boot, schon ein bisschen Menschenkenntnis reicht, um uns zu durchschauen. Allerdings sehen wir nicht nach typischen Seglern aus, sondern eher nach Hippis, mit wild, durcheinander, gewürfelten bunten, nicht zusammenpassenden Klamotten und ungestylten Zubehör. Die Küche ist nicht aufgeräumt und als die Frau auf dem Weg in Valeries Zimmer ist, scheisst Gretchen ins Katzenklo und das ganze Boot riecht nach Kot. Die Franzosen sind wirklich sehr höflich, aber neugierig und es hat einen Tatsch von einem Verhör, als sie unsere Pässe inspizieren und uns fragen: Warum wir hier sind? Wohin wir wollen? Woher wir kommen? Von wo wir sind? In welcher Marina unser Heimathafen ist? Warum wir in Schweden los sind und nochmal nach Deutschland zurückgefahren sind? Was Simon beruflich macht? Was ich beruflich mache? Was Valerie macht? Wie lange wir auf Reisen sein werden? Und wann wir diesen Ort hier verlassen? Der Mann mit Vollbart, komplett tätowiert ist super lieb und Budhi hat einen neuen Freund gefunden. Mit ihm unterhalte ich mich, während die Frau in Valeries Zimmer alle Schränke aufmacht. Das Zimmer eines Teenagers, ich bitte dich! Was wird sie finden? Fremde Menschen in unserem Zuhause, im Zimmer meiner Tochter. Ihr kleiner intimer Rückzugsort, ihre Oase. In Deutschland hätte ich mich vielleicht beschwert, hätte gefragt was das soll? Hier entschuldige ich mich 1000 mal für die Unordnung und hoffe das sie endlich gehen. Nach einer Stunde ist der Spuk endlich vorbei. Bei der Verabschiedung frage ich: „Was können wir verändern? Besser machen? Und warum sie gerade uns, so gründlich unter die Lupe genommen haben?“ Weil wir gerade das einzige Boot sind, dass hier steht und es ihr Job ist!“ Oder vielleicht, weil ein Deutsche Fahne am Mast hängt?, denke ich, sage aber nichts. Im Endefekt lief alles gut. Es war kein Hund dabei, der unsere Schmuggelware entdeckt hätte. „Cote de D’or“, unsere Lieblingschokolade, die wir in den Niederlanden gekauft und mitgenommen haben. Aber zu unserem Entzücken, gibt es die Cote de D’or auch in Frankreich. Also Ende gut, alles Gut! Boulogne sur-mer, gefällt uns! Wir kaufen hier ein, als gäbe es kein Morgen. Wir lieben den Käse, die knusprigen Baguettes, die Karamelschnitten und die Rosquilles. Was für ein Leben! Wie Gott in Frankreich! Jeder Tag ist wie Weihnachten oder ein runder Geburtstag. Simon und Valerie machen Sightseeing, während Budhi und ich stundenlange Strandspaziergänge machen. Sie besuchen unter anderem das Nausicaá Centre National De La Mer, https://www.nausicaa.fr/fr?utm_source=gmb, die Crypte de la Basilique Notre-Dame und die Cathedrale Notre-Dame Boulogne-Sur-Mer. Am heiligen Abend stechen wir in See und die Marina schenkt uns ein paar Tage, was für ein Weihnachtsgeschenk! https://www.boulogne-marina.fr/

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