Wenn eine Insel die Welt erhellt
Der Karneval auf La Palma ist etwas ganz Besonderes. An einem Tag trägt die ganze Stadt bunte Perücken oder großartigen Kopfschmuck, von denen viele liebevoll von Hand gefertigt wurden. An einem anderen Tag feiert man Los Indianos. Die ganze Stadt strahlt und leuchtet, von blütenweiß bis cremefarben, manchmal mit einem Hauch von Pastell. Wenn eine Insel so voller Licht sein kann, dann kann sie vielleicht auch die ganze Welt verändern. Der Karneval wird hier intensiver gefeiert als irgendwo sonst, zumindest habe ich ihn bisher nur in Europa erlebt. Doch hier ist es anders. Die Straßen duften nach Babypuder. Jeder einzelne Mensch wirkt wie ein Geschenk. Schon Tage zuvor sah man Familien mit ihren Kindern durch die Bekleidungsgeschäfte ziehen, auf der Suche nach weißen Kleidern, Hüten und kleinen Details für diesen besonderen Tag.



Man sagt, ein Flügelschlag könne einen Sturm auslösen. Der sogenannte Schmetterlingseffekt beschreibt, dass kleinste Veränderungen riesige Auswirkungen haben können. Und dieses Fest hier ist alles, nur keine Kleinigkeit. Während große Länder ihr Ego-Bewusstsein zur Schau stellen und verzeiht mir die Ausdrucksweise und ihre Geschlechtsteile vergleichen, zieht sich der Mann auf La Palma eine weißen Anzug an und tanzt. Und er tanzt nicht allein. Jeder Inselbewohner, jeder Mensch, der hierherkommt, tanzt! Die Energie dieses Festes ist so voller Freude, rein und positiv, dass sie alles Dunkle überstrahlt. So hell, dass man sein Leuchten selbst aus dem Weltraum sehen wird.

Als Valerie, Simon und ich zurück aufs Boot gehen, tragen wir dieses Lächeln im Gesicht. Puder auf der Haut und wirklich viel Puder in den Haaren, besonders Valerié und noch etwas: eine Erinnerung im Herzen. Wiedermal verabschieden wir einen Ort mit einem Fest. Dieses mal diese kleine Insel, die meines erachtens nach, das Leben verstanden zu hat. Denn unsere Bestimmung ist es glücklich zu sein. Jetzt. Egal wo du bist. Innezuhalten und das Leben zu feiern. Manchmal braucht es dafür nur eine Dose Puder und kubanische Musik.
Historischer Hintergrund: Im frühen 20. Jahrhundert wanderten viele Palmeros wegen Armut nach Kuba und in andere lateinamerikanische Länder aus. Die Rückkehrer, die in Amerika Reichtum erlangt hatten, wurden „Indianos“ genannt. Viele kamen in weißer Kleidung, mit Panamahüten, Zigarren und viel Bargeld zurück. In den 1920er Jahren begannen Einheimische, diese stolzen Rückkehrer zu imitieren und zu verulken. Aber warum wird es gefeiert? Es ist eine Hommage an die historischen Beziehungen zwischen La Palma und Kuba. Es findet jedes Jahr am Rosenmontag statt.
Für mich war es eines der schönsten Feste, die ich je erlebt habe. Höchste Energie an Freude, Lebenslust und Freundlichkeit. Seelen in den unterschiedlichsten menschlichen Versionen. Wir sind EINS, genau das war unausgesprochen in jeder einzelnen Minute zu spüren. Martin Luther King Jr. hatte diesen Traum: dass seine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben würden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. Dass Dunkelheit nur durch Licht vertrieben werden kann und Hass nur durch Liebe. Dieses Fest war so ein Moment. Diese kleine Insel ist ein Vorbild für die ganze Welt.

Ich kam hierher, ohne zu wissen, dass La Palma mir so viel schenken würde. Ich liebe dich, du wunderschöne Insel, mit all deinen Bewohnern, mit all deinem Feuer, mit deinem warmen Sand, der mich wiegte wie eine Mutter. Du bist ein Seelenort. Es ist genau das, was die Welt braucht, mehr kleine Inseln wie La Palma, die uns daran erinnern, dass wir nie getrennt waren. Wer hier einmal im Puder getanzt hat, trägt das Licht von La Palma für immer im Herzen. Es zeigte sich auch dieses Licht in einem Lächeln in der Marina la Palma, in der Herzlichkeit eines Menschen wie Jessica, die mit ihrer Freundlichkeit mehr getan hat, als sie vielleicht selbst ahnt.
