Wir verlassen Cherbourg um 8 Uhr morgens bei Dunkelheit, um mit der Strömung nach Brest zu fahren. Da sich wieder ein Sturm ankündigt hat, bei dem man nicht im Ärmelkanal und schon gar nicht in der Biscaya sein will, werden wir erst nächstes Jahr nach Spanien segeln. Nach zwei Stunden Fahrt unter Motor, ohne Wind, dafür aber Dank der starken Strömung, mit teilweise 11 Knoten, entscheiden wir uns in der Nähe der Kanal Inseln zu ankern. Leider ist uns das Betreten der Kanalinsel untersagt, da wir offiziell einreisen müssten, also über eine Fähre. Ausserdem bräuchte Budhi eine spezielle Wurmkur. Da die Kanal Insel nicht auf unseren Plan standen, haben wir beides nicht. Nun gut, ankern ist doch auch toll. Hier sind überall, kleine, rosa Boyen und wir müssen sehr aufpassen, das wir keine übersehen! Während Simon das Großsegel birgt, fahre ich vorsichtig zu unserem Ankerplatz und bitte Valerie Ausschau zu halten, besonders nach den Boyen, unter dem Motto vier Augen sehen mehr, als nur Zwei. Manche sind sehr schlecht zu sehen, als würden sie sich ducken oder verstecken und tatsächlich als ich mich umdrehe, frage ich Valerie, was mit dieser Boye hinter mir sei? „Die war doch vorher nicht da!“ Ja, meint sie, dass sah eben so aus, als wäre sie hinter uns erst aufgetaucht. „Oh weia, bitte nicht!“ Valerie geht nach hinten und guckt nach, etwas zu lange für mein Gefühl. Dieser Moment scheint wie eingefroren zu sein, eine andere Art von Stille und noch bevor sie etwas sagt, weiss ich, dass etwas passiert ist. „Papa!“, sagt sie sehr ruhig, aber ihre Stimme hat einen kleinen Unterton. „Du musst dir das anschauen ….ich befürchte wir ziehen ein Netz hinterher.“ Zuerst sind wir sehr erschrocken, haben wir ein Fischernetz zerstört, vielleicht einen Lohn, Arbeit kaputt gemacht? Aber da war nichts. Wir haben doch beide geguckt und nichts gesehen, sind alle Bojen umfahren? Aber dann kommt die bittere Erkenntnis, dass es auch für unser Boot, ein Schaden sein kann. Was machen wir? Valerie und ich haben noch keine Neopren Anzüge. Valerie ist aus ihrem herausgewachsen und ich bin Deutschland Temperaturen gewöhnt. Ich war selbst im Winter im Wannsee nackt baden, aber wir reden hier von anderen Temperaturen. Hier hat das Wasser 5 Grad und eine Strömungsgeschwindigkeit von bis zu 6 Knoten. Simon probiert es trotzdem. Sein Neopren Anzug, ist ein reiner Surfanzug für die Ostsee im Sommer. Als er sich von der Badeplattform ins Wasser lässt, weicht jegliche Farbe aus seinem Gesicht und er atmet nicht. „Atme!“ sage ich. „Schau mich an, atme ! Öffne dich für das Wasser !“ Simon kämpft. Ich spüre es in jeder Pore meines Seins und trotzdem taucht er unter, ohne Ohrenschutz ohne Schwimmhaube. So ist mein Mann, er redet nicht, er macht. Er taucht auf. „Komm raus, jetzt !“, sage ich, denn er sieht ein bisschen verwirrt aus, seine Lippen sind lila und er zittert. Ich ziehe meinen Mann hoch, wickle ihn ein in seinem Bademantel, werfe noch die Kuscheldecke über seine Schultern. Nach einer gefühlten Ewigkeit, sagt er: „Ich konnte nicht richtig runtertauchen, die Strömung ist so stark und die Kälte, verlangsamt mich.“ „Ok, ich komme mit!“, sage ich kurz entschlossen, weil es Valerie unter den Nägel brennt, das Seil zu bergen, falls es sich verwickelt haben sollte. Als Mutter hast du die Verantwortung, selbst wenn deine Tochter von Tag eins, ein volles Besatzungsmitglied ist und in jeder Situation, wie ein alter Seebär agiert. Sie ist ein Teenager wie jeder anderer. Ihr Zimmer sieht aus, sie ist frech und wir fetzten uns. Sie isst viel Schokolade und träumt, aber sie ist immer in jeder Situation ganz klar und macht intuitiv das richtige. Trotzdem bin ich es, die in Simons 2. Neopren Anzug schlüpft, der mit den kurzen Ärmeln, er passt nicht 100 Prozent, aber ein gewisser Schutz wird schon sein. Währenddessen holt Valerie ohne Anweisung, ein Seil um mich und ihren Vater zu sichern, holt die Insta 360 um eine Lifeaufnahme zu machen, damit wir sehen können, wo und wie sich das Seil, um unser Schraube gedreht hat. Mir treibt es die Tränen in die Augen. Valerie hat das Leben, das Boot und alles was damit verbunden ist verstanden und ja sie hätte gehen können, hätte sie in den Neoprenanzug gepasst. Sie hätte es einfach gemacht. Aber heute bin ich am Zug, als Mama und als Partnerin. Ich werde mich meiner Angst stellen, ich werde ins Wasser gehen und wenn ich nur meinem Mann die Hand halte und chante. Aber dann kommt alles anders. Die Strömung hat nochmals zugenommen, wir werden uns wahrscheinlich nicht mal halten können, beziehungsweise im Seil hängen, also rufen wir den Hafenmeister von Guernsey an und bitten um Hilfe. Da wir zu weit weg sind, schlägt er vor die Küstenwache zu rufen, oder zu versuchen in den Hafen einzulaufen. Als Team wird immer alles besprochen. Also fragt Simon: „Was machen wir?“ “ Hilfe annehmen, egal was es kostet!“ Valeries Gesicht spricht Bände, sie will uns überreden, dass wir sie reingehen lassen. Sie erkennt es in meinem Gesicht, das ich ihre Überlegungen lese und lächelt. „OK“, schnauft sie, wehmütig.

Also fahren wir langsam und vorsichtig eine Stunde in den Hafen und da kommt uns auch schon auf einem kleinen Motorboot, der Hafenmeister mit seiner Kollegin entgegegen. Sie begleiten uns zu einem Pontun, der keinen Landzugang hat, denn wir dürfen Guernsey nicht betreten. Die Menschen sind sehr hilfsbereit. Die drei Taucher stehen schon bereit und tauchen, alles geht sehr schnell. Einer von ihnen, in kompletter Montur mit Sauerstoffflasche, Flossen, Maske, Schnorchel und Atemregler, taucht und bleibt länger als fünf Minuten unter Wasser. Das hätten wir ohne Profi Ausrüstung nicht geschafft, dass wird uns hier nochmals klar. Das bestätigen uns auch die Taucher. Auf jedenfall sind wir unheimlich dankbar für die Freundlichkeit und die schnelle Hilfe. Allerdings sagt der Taucher, dass der Abstand zum Propeller gross sei…. Simon prüft im Engineroom den Sitz der Welle und vergleicht die Fotos, als Navita noch auf dem Land stand. „Alles ok“, sagt Simon. Was kostet uns das? „500 Euro.“ Ok, das ist unsere teuerstes Seil. Nun denn, es ist wie es ist! Uns geht es gut und das ist doch das wichtigste. Der Hafenmeister ist sehr lieb, ein bisschen traurig sagt er, dass wir unter Beobachtung stehen und mit unserem Hund, nicht an Land dürfen.

Wir können aber, weil hier grade niemand ist, mit Budhi auf dem Schwimmsteg spazieren gehen und er kann auch da sein Geschäft erledigen. Budhi ist ein Bordercollie. Er riecht das Land, er sieht das Land und versteht die Welt nicht. Aber Gesetz ist Gesetz. Budhi wird das schaffen, geht es doch für uns morgens um 8 weiter. Ziel Brest. Wir feiern das Leben, ich öffne einen Sekt und Simon macht seine berühmte Bolognese. Ende gut alles Gut? Wollen wir es hoffen! Total erschöpft fallen wir um 21.30 ins Bett, ohne an den Zeitunterschied zu denken. Ab drei Uhr morgens, wache ich stündlich auf, irgendwas raubt mir den Schlaf. Also hüpfe ich um 6 Uhr aus dem Bett und gehe an Deck das Gas anstellen. Boah ist das kalt. Während ich Kaffee und Tee koche, pumpt Simon Diesel von einem Tank in den anderen. Da der Diesel hier nicht besteuert wird, wollen wir noch tanken. Ich stelle Kaffee und Tee auf den Tisch und wecke Valerie, da kommt Simon aus dem Motorraum. „Wir haben ein Problem… !“, sagt er „und es hat nichts mit dem Seil zu tun, im Gegenteil vielleicht war das Seil ein Zeichen!“ Mein Mann ist bodenständiger, als so mancher Beamter, kein Träumer, ein Analyst, ein Problemlöser, aber das aus seinem Mund zu hören, ist schon besonders. Irgendwo haben wir ein Leck im Kühlsystem. Also telefonieren wir rum, ob es in irgendeiner weise einen Veterinär Mediziner gibt, der kommen könnte. Alle Tierpässe checken und gebenfalls Budhi eine Wurm Kur zu verpassen, das ich mit ihm an Land gehen kann, denn das hier, wird vermutlich länger dauern. Die Menschen sind alle super lieb, jeder will helfen, aber ihnen sind die Hände gebunden, sie unterstehen der Englischen Krone. Einzig und allein einen Passagierschein für uns Menschen können sie ausstellen, damit wir mit dem Dinghy auf die Insel können um Bootszeug zu kaufen. Nun gut! Simon fährt mit Valerie mit den Dinghy an Land, holt Material zum Reparieren. Ich laufe währenddessen mit Budhi auf dem kleinen Schwimmsteg hin und her, versuche ihn dazu zu bringen, ein Pippi zu machen, oder vielleicht etwas Grösseres.
Budhi guckt mich an: „Was soll der Scheiss, was willst du von mir?“, höre ich seine tiefe Stimme in meinem Kopf. Beleidigt dreht er sich auf dem Absatz um, springt aufs Boot und geht sofort unter Deck. Ich gehe ihm nach, rede auf ihn ein, aber er hat sich in seinem Bettchen zusammen gerollt und ignoriert mich. Nicht mal, als man den Motor des Dinghys hört, der die Rückkehr von Simon und Valerie ankündigt, steht er auf.
Simon macht sich gleich ans Werk, zerlegt so ziemlich alles im Maschinenraum. Ein ganzer Tag Arbeit und das ohne Strom. Es bedeutet keine Heizung, auch nicht die Bootsheizung, kein Luftentfeuchter, keine Wärmedecken. „Wir fahren weiter!“, entscheidet er. „Gut!“ „Aber vorsichtig, grade kann ich nichts mehr finden.“ Also tanken wir und fahren unter ständiger Beobachtung die Nacht durch. Das letzte Stück im englischen Kanal dauert acht Stunden, und wir sind wahnsinnig froh, dass wir am Tag diese Passage durchfahren. Einen Meter neben uns ragen Felsformationen aus dem Meer und an manchen Stellen, ist das Wasser, nur einen halben Meter tief. Der Wellengang ist knackig und die Strömung auch. Die Dämmerung setzt ein und nochmals sind wir sehr gefordert, weil manche kleinen Fischerboote, ohne Lichter fahren und auch auf den AIS, nicht zu sehen sind. Wir kommen abends in Brest an. Simon fühlt sich nicht gut und meint er müsse sich gleich mal hinlegen. Das ist für mich nicht verwunderlich, hat Simon den Löwenanteil und die extremen Strecken gemeistert. Ein böses Erwachen, als er am nächsten Morgen mit schlimmen Schmerzen und hohem Fieber aufwacht. „Ich glaube..“, beginnt er den Satz, „es fühlt sich an wie Covid…“, ergänzt Valerie mit heiserer Stimme. Oh weia! „Ok, ihr bleibt liegen. Ich gehe mit dem Hund, wasche Wäsche und mache was zu essen, nachmittags gehe ich einkaufen. Was ich noch nicht wusste ist, dass der nächste Supermarkt Bergauf 3,7 Kilometer entfernt ist. Wir haben keinen Elektro Roller und kein Fahrrad. Also schleppt sich der mittlerweile sehr kranke Simon, den Berg hoch zum Intermaché und bleibt in eisiger Kälte vor dem Laden mit unserem Hund stehen. Ich rase durch den Supermarkt, kaufe Zeugs für mindestens eine Woche und merke, dass ich immer langsamer werde. Meine Augen beginnen zu tränen und meine Nase juckt. Plötzlich überfällt mich eine extrem Erschöpfung und das Gefühl eines Muskelkaters. NEIN!!!!! Ich weigere mich einen Virus, Covid, Grippe, was auch immer zum Haben. Ich muss stark bleiben, ich muss gesund bleiben. Simon steht draussen und sieht schlecht aus. Bergab geht es nicht besser, aber schneller. Simon legt sich ins Bett, während ich Hühnersuppe koche und Schoko Brownies backe. Meine kleine Familie muss essen. Ich fühle mich mittlerweile so elend, dass ich in der Küche in Tränen ausbreche. Dieses Leben habe ich mir anders vorgestellt! Meine Schwester ruft an, es geht mir zu schlecht, um ran zugehen.
Nein, nein und nochmals nein, ich will nicht krank sein und woher kommen soviel Tränen. Es ist der 31.12.2024, das Ende des Jahres, Sylvester und unaufhörlich fliessen Tränen aus meinen Augen. Um 16 Uhr klettere ich zu meiner kleinen Familie ins Bett. Gott sei Dank, war ich noch einkaufen und habe Suppe gekocht. 10 Stunden später, Corona hat mich fest im Griff, die Gliederschmerzen und Halsweh sind unbeschreiblich. Fünf Anrufe in Abwesenheit, statt einen weiteren Anruf eine SMS. Ich muss nicht draufschauen, dass übernimmt mein Mann, ich wusste es schon gestern. Wenn jemand in deiner Familie stirbt, dann spürst du es. Mein Vater verliess am 31.12, um 15.15 Uhr unsere Welt und hat einen kleine Teil von mir mitgenommen…
