Erste Biskaya-Überquerung – Zwischen Sturm, Zweifel und Delfinen

Unsere erste Biskaya-Überquerung beginnt im Strömungswechsel, ähnlich wie im Englischen Kanal ist das Meer wild und tosend und es scheint für einen Moment unbezwingbar. Schaumkronen so weit das Auge reicht. Der Himmel ist in unterschiedlichen grautönen und Wolkenformationen, als hätte sie jemand gemalt. Es erinnert mich an die alten Filme, an die Geschichten von Edgar Allan Poe, unheimlich, als würde gleich die Welt im Meer versinken. Noch befinden wir uns in der Landabdeckung, dass gibt uns eine gewisse Sicherheit, die Möglichkeit an Land zu fahren, auch wenn nur, um zu Ankern. Alles ist gut wiederhole ich in meinem Kopf! Aber ist es das? Simon fragt: „Wollen wir zurück, wollen wir dort rüber?“ „Nein, nein!“, sage ich zwar unsicher, aber das Abenteuer hat längst Besitz von mir genommen. Die Biskaya-Überquerung gilt unter Seglern als eine der anspruchsvollsten Etappen Europas. Die Bucht der Biscaya ist bekannt für ihre starken Stürme und ihren extremen Seegang. Die dabei auftretenden Verwirbelungen zwischen Strömung und Küste gelten in der Seefahrt durchaus als gefährlich – besonders für kleine und mittlere Segelboote. Im Internet liest man von meterhohen Wellen und unberechenbaren Wetterumschwüngen. Der Ruf der Biscaya eilt ihr voraus. Schon in Lübeck haben uns erfahrene Segler gewarnt und kopfschüttelnd gesagt: „Die fährt man nicht im Herbst – und schon gar nicht im Winter.“ Nun gut. Andere vor uns sind auch schon durch. Zum Beispiel Peter und Anna, die wir auf Helgoland kennengelernt haben. Wir sind vorsichtig und gut vorbereitet. Haben alle Wetterdaten doppelt und dreifach gecheckt. Also fahren wir weiter. Die See rüttelt Navita ordentlich durch, es scheppert ziemlich laut. Also gehe ich unter Deck, trotz Sicherung aller Gegenstände, ist die Kaffeemaschine auf den Boden gefallen, das Behältnis der Bohnen ist gesplittert. So haben sich eine handvoll Kaffeebohnen mit Katzenkotze und dem Hundenapfwasser vermischt und ich versuche unter Volleinsatz meiner Kräfte, alles sauber zu machen. Zu Retten was zu Retten möglich ist. „Meine Kaffeemaschine!!!!!“, Schluchzt,Heul! Für mich eines der besten Investitionen, neben Rettungsinsel und EPIRP. Gretchen sieht mich mit grossen Augen an und weiss nicht wie oder wo, sie sich festhalten kann. Ich trage sie in unser Schlafzimmer, baue ein Nest, eine Höhle für ihre Sicherheit und um sie zu beruhigen. Mila hat sich bereits unter meinem Kissen verbarikadiert. Es wird besser, sage ich mir immer wieder. Während unserer Biskaya-Überquerung passieren wir vermutlich gerade den Kontinentalschelf. In diesem Bereich treffen unterschiedliche Wassertiefen und Strömungen aufeinander, was den Seegang zusätzlich verstärken kann. Viele Segler berichten genau hier von besonders ruppigen Bedingungen. Auf allen Vieren klettere ich über unsere steile Treppe nach oben an Deck, dort geniessen Valerie und Simon die wilde Natur, wobei Valerie ein wenig blass um die Nase aussieht. „Wie geht es Dir?“, frage ich mit einer kleinen Flasche Globuli in der Hand. „Gut!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Also geht es ihr nicht gut, das wissen wir beide, gehen aber nicht weiter darauf ein. „Was immer du brauchst, ich bin da!“ Ich möchte ihr ein paar Kügelchen in den Mund geben, aber Valerie schüttelt den Kopf. Sie schaut in die Weite und atmet, lässt sich auf das hier ein. Ich träufel ein paar Globuli in meinem Mund, denke positiv und beobachte, schaue auf den Ozean, in den Himmel, schau zu dem kleinen Stückchen Land, dass ihm Küstennebel verschwindet. Am Ende wird alles gut! Ha, da war er schon wieder, dieser Satz! „Delfine!“, flüstert Valerie und deutet mit ihrer Hand aufs offene Meer. Ich kann sie nicht entdecken, unwillkürlich fallen mir die reißerischen Orcavideos ein, die uns alle möglichen Bekannten in den letzten Monaten geschickt haben, um uns zu warnen oder aufzuhalten, oder uns vorzubereiten, was alles im grossen Meer passieren kann. „Ich bitte dich! Was soll in der Natur passieren, wenn man mit ihr gut und respektvoll umgeht! Ich liebe Wale, ich liebe Orkas. Niemals werden sie uns angreifen“, waren meine Worte und trotzdem schlägt mein Herz bis zum Hals. Was ist wenn ich mich geirrt habe? Wenn wir Menschen für sie alle gleich aussehen? Weil Farbe und Herkunft keine Rolle spielt. Weil wir zu Feinden geworden sind und jeden Tag ihnen ihre Nahrung wegnehmen. Für ein „all you can eat“ Buffett, um davon jeden Tag die Hälfte wegzuwerfen. Ihren Lebensraum einschränken, weil unsere Boote immer riesiger werden, feudaler, anstatt mit dem notwendigsten ausgestattet, wenn wir darauf leben. Weil sie ausgebremst werden, oder um uns herum schwimmen, anstatt ihre Spitzengeschwindigkeit auszukosten. Weil sie den Gesang ihrer Stimme nicht mehr hören, stattdessen die verschiedenen Töne aller Autopiloten, des Tiefenmessers und der Schiffschrauben. Immer mehr Geräusche. Tinitus im Ohr, statt dem Gesang ihrer Gefährten. Das Rauschen ihrer Welt. Eingeschränkt, Eingesprerrt, Distanzlos, Einsam, trotz der Weite, weil da immer Jemand ist. Und dann sehe ich sie auch! Eine kleine Gruppe Delfine schwimmen auf unser Boot zu und begleiten uns eine Weile. Kurze Zeit später verlassen sie uns und die Strömung kippt ein weiteres Mal. Der Wellengang ist sehr hoch, überall im Meer kleine bis grosse Wirbel, Wasserstrudel und jetzt hat auch der Wind zugenommen. Ich habe Angst und zugleich finde ich es irgendwie krass gut! Diese herrliche Natur. Es ist ein bisschen wie das Gefühl von Achterbahn fahren, du lachst, schreist und fürchtest dich, alles zugleich, so fühle ich mich. Doch dann wird über Funk unerwartet, eine Warnung von Wind bis 7, und Sturmböen von 8 Beauforts rausgegeben. Wir gehen alle unter Deck, lassen uns ein wenig vom Autopiloten unterstützen. Aber der failt ununterbrochen, er wird uns also nicht helfen können. Unter Deck wird uns allen schlecht. Mila hat in unser Bett gemacht, gross und klein. OK, nicht denken, einfach machen! Ich ziehe unsere Bettwäsche ab und lege alles in die Dusche, baue eine neue Höhle mit Kissen, Decken, Klamotten, mit allem was ich unter der wild, schaukelten Fahrt packen kann. Aus den Schmetterlingen im Bauch werden riesige, wie wilde gewordene Motten und aus einem mulmig sein, entsteht unbeschreibbare Übelkeit. Und plötzlich ist sie da, die Krankheit vor der kein Seefahrer gerne spricht, für das es noch nicht die richtige Medizin zu geben scheint. Ich werde Seekrank und das in vollem Ausmass. Keine Schüssel, kein Gefäss ist vor mir sicher. Das Boot schaukelt so extrem, dass ich da wo ich sein muss, mich übergebe. Valerie hat sich zu den beiden Katzen gelegt um sie zu beruhigen, aber schon kommt auch aus ihr ein Schwall, noch nicht ganz verdautes Porridge. Ob wir jemals in der Lage sein werden, wieder Müsli zu essen? Kein Schluck Wasser bleibt in unseren Mägen. Ich dachte ich weiss was es bedeutet, Seekrankheit zu sein, aber das stimmt nicht. In meinen Schwangerschaften litt ich mehr als nur drei Monate an Übelkeit und Erbrechen, aber das hier, ist hundertmal schlimmer.
Während Simon das Boot alleine durch die aufgewühlte See steuern muss, komme ich aus dem Kotzen nicht mehr raus, behalte kein Schluck Wasser, selbst das Medikament gegen Seekrankheit, dass uns unsere Freunde aus Lübeck, mitgegeben haben, bleibt nicht in meinem Bauch. Als wäre ich mit irgendeinem Virus infiziert worden, der sich in Sekundenschnelle in meinem ganzen System ausgebreitet hat. Ich decke Valerie zu, versuche ihr Halt und Schutz zu geben, aber ich kann mich nicht mehr bewegen, kann nicht mehr reden, will mich entschuldigen für mein Drängen früher zu fahren, als es Simon entschieden hatte. Kann mich nicht um meine Tochter kümmern und das, dass erste mal in meinem Leben. Diese Erkenntnis legt einen dicken Schleier aus Schuldgefühlen, Scham und Angst auf mich und dunkle Schwärze hüllt mich ein, als ich immer wieder wegtriffte, obwohl ich längst Simon ablösen sollte. Zum Glück schläft Valerie und muss sich daher auch nicht mehr übergeben. In meiner dunkelsten Stunde, bin ich nur noch Angst und Übelkeit, während Simon im Rotlicht vor meinen Augen, von einer Seite zur anderen Seite geschleudert wird, das Steuerrad fest im Griff. Surreal, als wären wir irgendwo in einer anderen Galaxie, Raum und Zeit, spielt keine Rolle mehr. Beten, dass es vorbei geht. Eine Ewigkeit bis endlich die Dämmerung einsetzt und es Valerie so gut geht, dass sie aufsteht und für einen Moment das Steuer übernehmen kann. Der Wind ist eingeschlafen und ich starte den Motor. Auch haben sich unsere Mägen und die See beruhigt, so dass ich in unserer alten Mokkakanne Kaffee und für Valerie Tee kochen kann. Sehr dankbar für den neuen Tag, für die ruhige See und den frischen Kaffee, das es meiner Tochter viel besser geht, das Simon endlich schlafen kann, übernehme ich das Steuer und fahr an Deck weiter. Die Erleichterung, wechselt zu einem irrem Glücksgefühl. Die Schönheit unsere Erde raubt mir den Atem und ich bin so extrem Dankbar! In jenem Augenblick wo am Horizont die Sonne aufgeht, und ich im Rausch der Glückseeligkeit bin, sehe ich sie. Ein grosser Schwarm Delfine, direkt an unserem Boot. Ich winke Valerie nach draussen. Ganz nahe schwimmen sie an Navita, begleiten Valerie und mich stundenlang. Nach einer Ewigkeit an Herrlichkeit, ein sehr merkwürdiges Geräusch, oder war das Einbildung? Es quitscht und dann riecht es plötzlich verbrannt. Die Motorzahl schiesst in die Höhe und überschreitet die 80. Simon schreckt aus seinem wohlverdienten Schlaf, sitzt aufrecht im Decksalon. Was ist das? Er springt auf, geht auf direktem Weg in den Motorraum. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er zurück. „Was ist?“, frage ich. „Der Wärmetauscher der Heizung hat sich verabschiedet….“, „Ohje, was machen wir jetzt?“ Können wir mitten in der Biscaya anlanden und wenn ja wo? Ist das überhaupt möglich? Hatten wir doch vor in einem Rutsch durchzufahren. Durch die Gezeiten ist eine Anfahrt nur zu bestimmten Uhrzeiten möglich, nicht zu vergessen, wir haben einen Tiefgang von 1.90. Simon vertieft sich in die Karte und ändert unseren Kurs, auf die Île d’Yeu. Die Fahrt dahin ist ruhig, die Sonne scheint und ein weiteres Mal begleiten uns Delfine. Morgens um 7.30 kommen wir auf der kleine Insel an. Da es noch zappenduster ist, gehen wir einmal mit Budhi an Land, füttern alle Tiere und fallen ins Bett. Ein paar Stunden später wachen wir gerädert, aber sehr glücklich auf und haben uns verändert. Jeder für sich. Im Familienverband durch die Biscaya, als Crew und auch wenn wir noch nicht da sind, wo wir sein wollten, sind wir da wo wir sein sollen.

Wir melden uns in der kleinen Marina an und frühstücken erstmals. https://www.portjoinville.com/. Wir sind schon sehr gespannt auf diesen kleinen Ort. Simon bestellt Ersatzteile und danach erkunden wir die Umgebung. Hier beginnt der Frühling, überall erwachen kleine Blüten und der leuchtend gelbe Ginster steht in seiner Blüte und verbreitet seinen harmonischen Duft. Die Eclairs, Torten und Kuchenspezialitäten sind sinnliche Explosionen in unseren Mündern. Schlecht haben wir es nicht getroffen! Wir geniessen extrem lange Spaziergänge, einer unberührten wilden Küste und erleben sagenhafte Sonnenuntergänge auf der Südwestseite der Pointe du But.

Geschichtlicher Hintergrund: Während des Zweiten Weltkriegs war die Île d’Yeu in der Hand der deutschen Wehrmacht, die Bunkeranlagen und Beobachtungsposten errichteten. Das majestätische Vieux Château an der Westküste, eine Ruine inmitten der Natur, maritim und malerisch, mit Dünen, Heideflächen und Tausenden von Seevögeln, die hier rasten und brüten. Wie muss es hier im Sommer herrlich sein, wenn es jetzt schon in der kühlen Jahreszeit verzaubert.

Einmal Umrunde ich die Insel mit Budhi, uff tun mir die Knie abends weh, aber das war es wert! Als alle Teile endlich da sind, reparieren Simon und Valerie die Heizung und schon ist wieder ein Monat um. Werden wir in die Biscaya erneut eintauchen, oder fahren wir an der Küste entlang?

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