Mitten drinn, kann auch ein Anfang sein
Es schüttet unaufhörlich. Wir sind in Stavoren, in einer kleinen Marina, die wir gestern aufgesucht haben. Wir brauchen dringend Strom für die beschlagenen Fensterscheiben und um unsere Jacken, Hosen, Socken und Schuhe zu trocknen. Nach der stundenlangen Fahrt gestern durch Regen und Graupelschauer sind wir erschöpft. Ich muss viel weinen. Die nasse Kälte und der Schmutz setzen mir zu. Wir wollen in den Süden und das schon seit Monaten und doch kann ich mir das gerade gar nicht vorstellen. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto weiter scheint es sich zu entfernen. Wie eine Fata Morgana, ein Wunschdenken, ein Weihnachtsmärchen.
Die innere Sturmfront
Ich kämpfe mit den Anteilen in mir, die ich nicht haben will: meinen Schatten. Eine Ambivalenz zwischen Verdrängung und zwanghaftem Hinsehen. Irgendwie will ich etwas tun, kreativ sein, die Welt aus den Angeln heben. Aber dann steige ich in die nächste Pfütze, die ich nicht gesehen habe und mein letztes Paar Wintersocken ist nass. Ich könnte ausrasten, mit dieser Wut könnte ich wahrscheinlich den ganzen Planeten auslöschen. Also mache ich mich auf die Suche nach trockenen Socken und werde fündig. Zwar keine Thermosocken oder gestrickte Socken von Oma, dafür schneeweiße Sommerkurzsöckchen. Egal. Heute soll noch Sturm von 10 Beaufort kommen, also heißt es: Füße stillhalten, wenn möglich trocken. „Am Ende wird alles gut!“, hat meine Tante immer gesagt. Aber was bedeutet das? Ist es unser Ende, dass wir sterben und dann alles gut ist? Ist das Ende ein lang andauernder Regen, das Ende von Kälte, Winter, einer Jahreszeit oder eines Gefühls? Vielleicht das Ende von „abgefuckt sein“, weil alles nass ist? Dieser Satz von Oscar Wilde beschäftigt mich schon immer, nun ja, vielleicht werde ich ihn eines Tages verstehen.
Orkanwarnung
Der Sturm baut sich langsam auf. Kaum zu glauben, dass daraus ein richtiger Orkan werden soll. Die Stimmen in unserem Funkgerät werden ernster und warnender. Wir gehen nochmals mit Budhi, unserem Hund, zum Eiselmeer. Wir wollen den Wind auf unseren Gesichtern spüren, herausfinden, wie es wäre, noch unterwegs zu sein.

Gegen 17 Uhr sind wir zurück an unserem Boot, mit Dunkelheit und pechschwarzem Himmel kommt der Wind mit solcher Gewalt, dass selbst das Wasser duckt. Wir müssen uns festhalten, immer wieder die Fender und Festmacherleinen überprüfen. Während Navita heftig schaukelt, kocht Simon Bolognese, genau das, was wir heute brauchen. Wir essen viel Schokolade. Nach einer Runde „Elfer raus“, unserem Lieblingsspiel, arbeiten Simon und ich an unserem Videoreisetagebuch, während Vali fürs Leben lernt und über den Kot der Astronauten staunt. (Link zu Artikel).
Das Boot ächzt, schaukelt, tönt und drängt uns nach draußen. Unglaublich! Meine Wut und Verzweiflung von heute früh sind verschwunden, als wären sie nie dagewesen. Da ist nur noch Kraft, Ehrfurcht und Respekt vor den Elementen. Vielleicht tragen sie heimlich einen Streit aus, von dem wir Menschen nichts wissen.
Schutz, Wärme und Magie
In Navitas Kokon spüren wir Sicherheit, Schutz, Wärme und Liebe. Schon wenige Tage nach dem Einzug auf das Boot stellte sich dieses Gefühl ein: Alles lebt. Ein Übergangsritus, jedem Gegenstand Leben einzuhauchen, durch uns oder jemanden davor. Ich spüre meine Veränderung Tag für Tag, nicht immer schön, aber manchmal magisch, als würde etwas Größeres mich initiieren: Gedanken und Wissen, aus der Unendlichkeit kommend. Als der Sturm nachlässt und das Wasser sich nur widerwillig beruhigt, fallen wir in einen tiefen, wenn auch nicht ganz erholsamen Schlaf. Der Morgen danach fühlt sich an wie nach einer Partynacht mit zu viel Alkohol und zu wenig Sauerstoff. Die Sonne scheint, hellgraue, marmorierte Wolken erzählen Geschichten. Der Abwasch wurde nicht gemacht, bei dem schaukelnden Schiff auch kein Wunder. Ich gehe zur Marinadusche, lauwarm bis kalt, da die Marina im Winterschlaf liegt. Besser eine Dusche als keine. Bibbernd kehre ich aufs Boot zurück. Vali hat inzwischen den Abwasch erledigt, was für ein Mädchen! Meine Tochter! Wir machen Frühstück: weich gekochte Eier, Käse, Mozzarella auf Tomaten, Marmelade, Haselnusscreme, frischer Kaffee und English-Breakfast-Tee. Der Tisch wird feierlich gedeckt, der Fokus aufs Schöne gelegt. Ein gutes, ehrliches Frühstück tut gut! Liebe geht bei mir durch den Magen. Danach legen wir uns in das große Schlafzimmer, drehen die Bettheizung auf höchste Stufe und lesen. Ehrlich gesagt ist das Leben auf Navita mit meinen Lieblingsmenschen wie ein kitschiger Walt Disney Film, selbst wenn nicht alles perfekt ist, im Imperfekt liegt die Perfektion.-
